Kraiburg – der historische Markt am Inn

Mit Sicherheit dürfte es nur wenige Orte am Inn geben, die auf eine so lange und bewegte Vergangenheit zurückblicken können wie Kraiburg. Bei dieser Bewertung muss man allerdings immer das ganze Gebiet zwischen Gundelprechting und Ensdorf sehen, das der Lage nach eine untrennbare Einheit bildet. An seiner nördlichen Seite wird es vom Inn begrenzt, südlich von densteilen Hängen der Hochterrasse mit vorzüglichen Ausblicken über das ganze Land. – Eine ideale Lage! Die Nähe zum Inn brachte unseren Vorfahren aber neben zahlreichen Vorteilen auch schwere Zeiten durch immer wiederkehrende Überschwemmungen, so dass einst die Besiedlung auf höher gelegenen Regionen erfolgte.

 

Wie Funde beweisen, wurde dieses Gebiet seit der Steinzeit bewohnt. Am spektakulärsten ist dabei aus heutiger Sicht die Römerzeit, die uns ein wunderbares Mosaik hinterlassen hat, das nun in der Archäologischen Staatssammlung in München zu besichtigen ist. Jüngste Ausgrabungen lassen vermuten, dass diese römische Niederlassung auf norischem Boden – vielleicht „Carrodunum" - seit der Mitte des 1. Jahrhunderts als verbindende Grenz- und Zollstation zum jenseitigen Ufer des Inns nach Rätien diente. Wie lange die römische Epoche währte ist ungewiss, die gefundenen Münzen verweisen jedenfalls auf ein Ende nach Kaiser Severus Alexander, der von 222 bis 235 n. Chr. regierte.

Mit der Schenkung seines Erbes an die Muttergotteskirche in Freising 772 durch den Priester Sigiperht, wird „Chreidorf" erstmals urkundlich erwähnt, wobei es sich hier allerdings um den heutigen Ortsteil Maximilian handelt. Die „Creiburch" entsteht um 1100 auf dem strategisch günstigen „Schlossberg", ausgestattet mit einem Burgfrieden drum herum, in dem sich der Ort gleichen Namens entwickeln konnte, und einem Zugang zum Inn – mit Brücke. 150 Jahre lang sollte nun diese Burg Stammsitz des bedeutenden Kraiburger Grafengeschlechtes sein.


Den Anfang machte Engelbert II. (ca. 1100 – 1141), ein Spanheimer, dessen einflussreiche Familie zahlreiche Besitzungen im Alpengebiet hatte und mit der Markgrafschaft Istrien und dem Herzogtum Kärnten belehnt war. Dies wurde 1107 bzw. 1124 durch Erbschaft in seiner Person vereint. (Außerdem gab es in seiner Verwandtschaft Erzbischöfe von Salzburg, Köln und Magdeburg, sowie einen Bischof von Regensburg.) Nicht minder vermögend war Uta seine Gemahlin, die ihren Vater, den Rapotonen, Burggraf Ulrich „Vielreich" von Passau beerbte und durch ihre Mutter Adelheid Megling–Frontenhausener und Sieghartinger Besitzungen in die Ehe einbrachte.


Der Geschichtsschreiber Aventin bezeichnete die Grafen von Kraiburg als das angesehenste Geschlecht in Bayern nach den Wittelsbachern.
Bei der Erbteilung ging Kärnten an den ältesten Sohn, Kraiburg und Istrien bekam Engelbert III., Rapoto I. gründete die niederbayerische Linie der Ortenburger, die bis heute besteht. Das Schicksal wollte es jedoch, - bedingt durch die Kinderlosigkeit seines Bruders, dass das Haus Ortenburg die Grafschaftsrechte der Kraiburger und deren Besitzungen erbte.


Unter Rapoto II. (1190 – 1231) stieg Kraiburg zur Höhe seiner Macht empor. Dessen Frau Mechtild war die Schwester von Herzog Ludwig dem Kelheimer, was diesen allerdings nicht hinderte, nach einem langjährigen Streit zwischen Rapoto und dem Grafen von Bogen, die Feste Kraiburg 1199 zu zerstören.

Schmach und Feindschaft währten jedoch nicht lange, denn als 1208 Pfalzgraf Otto von Wittelsbach den deutschen Kaiser Philipp von Schwaben ermordete, bekam Rapoto die Pfalzgrafenwürde in Bayern verliehen. Neben der Herrschaft im Isengau erstreckten sich nun die Besitzungen, Grafschafts- und Vogteirechte der Kraiburger bis zur Donau über den größeren Teil des Rottales, vom Inn zur Alz und Traun, dann die Südseite des Chiemsees hinauf bis ins Brixental. Pfalzgräfliche Mauten gab es in Truchtlaching an der Alz sowie zu Hilgartsberg und Pleinting an der Donau.


Sein Sohn Rapoto III. (1231 – 1248) war mit der Hohenzollerin Adelheid, Burggräfin von Nürnberg verheiratet. Nachdem alle zwei männlichen Nachkommen im Kindesalter starben, war Tochter Elisabeth, als einzige Erbin dieses umfangreichen Besitzes, eine begehrte Partie im ganzen Reich; sie nahm sich jedoch den wohl schlechtesten Freier zum Mann - Hartmann von Werdenberg aus der Graubündener Gegend. Nach 3 Jahren verkaufte er 1259 den ganzen Besitz an den Niederbayerischen Herzog Heinrich XIII. für 1 Million Mark Silber; anschließend verstieß er seine Gemahlin samt der 3 gemeinsamen Kinder.


Diese Einverleibung ins Wittelsbachische Territorium symbolisieren heute noch der rote Kraiburger Panther im niederbayerischen Wappen, sowie im großen bayerischen Staatswappen der blaue Panther auf silbernem Grund.


Als Stellvertreter des Herzogs zog nun ein Pfleger in der Burg ein, der dem neugegründeten Pfleggericht vorstand. Fast 500 Jahre hielten sie es auf der Burg aus, bis sich 1740 Baron von Lerchenfeld am Marktplatz ein komfortables Haus, die heutige Apotheke baute. Dies war das Ende einer glorreichen Vergangenheit, die Burg wurde zum Abbruch freigegeben und deren Steine in der ganzen Umgebung zum Bau von Häusern verwendet. Das geschah so gründlich, dass nur mehr die Struktur der ehemaligen Burganlage zu sehen ist. 1825 ging der kahle Schlossberg für 36 Gulden in Privatbesitz über.


Des einen Leid, ist des anderen Freud – durch den Besitzwechsel an Herzog Heinrich konnten sich die ehemaligen gräflichen Ministerialen von Truchtlaching, Törring und Taufkirchen zu ihrer späteren Größe aufschwingen. Auch für die Kraiburger war dies ein Glücksfall, denn im Laufe der Zeit bekamen sie von den Wittelsbachern neben zahlreichen Freiheiten ab 1385 verbriefte Marktrechte. Sieben große Warenmärkte durften sie zuletzt im Jahr abhalten, mit jeweils einem Flachs- und Garnmarkt am Tag zuvor und einem bedeutenden Vieh- und Pferdemarkt am Tag danach; um 1848 wurden dabei 1400 Pferde gezählt. Dazu gab es seit dem 16. Jahrhundert bis 1844 zweimal in der Woche eine Getreideschranne.


Das war natürlich der beste Grundstock für ein gesundes Gewerbe. So existierten zum Beispiel 1814 in Kraiburg 95 Gewerbetreibende bei 103 Handwerksgerechtigkeiten; allein 5 Brauereien sorgten dafür, dass niemand in Kraiburg und der näheren Umgebung verdurstete.


Dass Kraiburg um 1800 aber zu den 14 reichsten Orten in Altbayern zählte, verdankte der Ort hauptsächlich seiner Lage am Inn mit der Schifffahrt und einer von 8 Brücken über den Fluß zwischen Kufstein und Passau.


Die Schiffmeister und Handelsherrn Schwaiger, Söll, Mayr, Caldera, Falk, Sachs und Riedl haben mit ihrem Reichtum auch das Ortsbild geprägt. Für sie und alle übrigen einflussreichen Bürger war es eine Selbstverständlichkeit, ein Haus am Marktplatz zu besitzen. Sie sorgten auch dafür, dass die Kunst nicht zu kurz kam und hervorragende Maler und Bildhauer hier ihr Auskommen fanden. 3 große Brände gab es in Kraiburg, 1384, 1548 und 1571; nach dem letzten entstanden die Marktplatzhäuser im Inn-Salzach Baustil, mit Arkaden, Erkern, Schwibbögen und Hinterhoflauben, sowie als Sicherheitsmaßnahmen gegen Brände Vorschussmauern und Grabendächer.


Von diesen Bränden und den zahlreich erlittenen Kriegswirren erholte sich Kraiburg jedesmal relativ schnell; der Verlust des Pfleg- und Landgerichtes 1803, die Industrialisierung mit der Gewerbefreiheit und vor allem der Bau der Eisenbahn 1876 waren für Kraiburg Tiefschläge, die der Ort nicht mehr verkraftete.


Mittelpunkt des Marktes war immer schon die Kirche St. Bartholomäus. – Der barocke Vorgängerbau war natürlich kleiner. Keilförmig schloss sich dabei das Rathaus mit seinen Arkaden und die St. Antoniuskapelle an. Dazwischen lag bis 1806 der Friedhof des Ortes. 1890 wurde bis auf den Turm alles abgebrochen und es entstand die dreischiffige neuromanische Basilika aus Backsteinen, die der Garser Redemptoristenfrater Max Schmalzl farbenprächtig ausmalte.


Zeitgleich mit dem Bau der Kirche, sozusagen als letztes Aufbäumen, errichtete der Ort auch ein Theatergebäude mit fast 800 Besucherplätzen, in dem von 1892 bis 1922 bei 80 Aufführungen „Ludwig der Bayer" von Martin Greif gespielt wurde. Das Stück war so erfolgreich, dass sogar das bayerische Herrscherhaus zu Besuch kam.


Das Wahrzeichen des Ortes aber ist die weithin sichtbare Kapelle auf dem Schlossberg, wo einst die mächtige Burg stand. 1832 war der Schiffmeister Georg Riedl aus Neuötting, ein Sohn der Kraiburger Riedl-Dynastie, mit seinem vollbeladenen Schiffszug auf dem Inn unterwegs, als plötzlich vor der Braunauer Brücke das Traidelseil riss. Die Gefahr dabei war, dass der ganze Zug am Brückenpfeiler zerschellen würde. In seiner Not gelobte Riedl, auf dem Schlossberg in Kraiburg eine Kirche zu bauen, wenn kein Schaden an Ladung und Besatzung entsteht. Wie man sieht, hat sich damals alles zum Guten gewendet; die Kirche wurde 1838 eingeweiht und seither trifft sich die zahlreiche Riedlverwandtschaft jährlich am Georgstag zu einem Gedenkgottesdienst.


Heute hat der liebenswerte Ort mit seiner großen historischen Vergangenheit und seinem behaglichen Ambiente nach langer Rezession wieder Anschluss gefunden und gilt als Gegenpol zur modernen Nachbarstadt Waldkraiburg.


Seit 1935 besitzt Kraiburg auch ein Heimatmuseum, das jetzt in den Salzkästen seine endgültige Bleibe gefunden hat und die bedeutende Geschichte des Ortes anschaulich darlegt.


Um auch die römische Vergangenheit der Öffentlichkeit zu vermitteln, richtete der Kulturkreis Kraiburg über diese Epoche zum Römerjahr 2000 ein privates Museum ein.


Seit 1997 ist auch die immer wiederkehrende Gefahr gebannt, von den Hochwassermassen des Inns überschwemmt zu werden. Gleich einer  mittelalterlichen Burg schützen Mauern und Dämme den Ort vor den anstürmenden Fluten.


Alois Schmalhofer, Kulturkreis Kraiburg a. Inn